Nemesis

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Release: 1993

Albert Pyun, der große Visionär, Regisseur und Drehbuchautor fast schon unzähliger Filme, betritt das Büro seines Produzenten.

„Albert, schön dich zu sehen. Komm rein, setz dich doch! Ich hab gerade dein Drehbuch gelesen. Du klaust dir zwar alles zusammen, was man irgendwann und irgendwo in irgendeiner Form zum Thema Böse-Cyborgs-wollen-die-Welt-versklaven gesehen hat, aber ein paar Tausend Dollar kann ich trotzdem dafür freistellen. Was hälst du davon?"

„Ein paar tausend? Hmm… Weißte was, besorg mir einfach Gratis Koks und Nutten dazu und wir sind im Geschäft!“

„Das klingt sehr vernünftig. Hand drauf!“

Und so entstand unter der Regie Pyun’s der Film „Nemesis“. Ne, das war jetzt natürlich Quatsch, denn eigentlich hat Albert mit dieser Produktion seinen besten Film hingelegt. Ein paar Tausend Dollar mehr dürften es auch gewesen sein, denn man hat es hier absolut nicht mit einer Low-Budget-Produktion zu tun. Eher mit einem vergnüglichen, temporeichen und actiongeladenen Endzeit-Baller-Film. Was das Koks und die Nutten angeht, bin ich mir allerdings nicht sicher, ob nicht vielleicht doch ein Fünkchen Wahrheit darin liegt... Aber besser ich fange ganz vorne an – mit der Handlung:

Die Zukunft! Die Welt ist voll im Popo! Kybernetik macht es möglich, dass jedes Körperteil, sogar Haut und Gehirn durch elektronischen Firlefanz ersetzt werden kann. Bis hin zu menschlich aussehenden Cyborgs läuft alles auf der Welt rum. Nebenbei bemerkt verlieren Menschen übrigens Teile ihrer Seele, wenn sie zu viele Implantate eingesetzt bekommen (wie bei Shadowrun). Alex Rain (Oliver Gruner) ist einer dieser Menschen. Er ist ein Cop in L.A. und zwar der Beste! Allerdings mittlerweile auch mehr Maschine als Mensch. Er wird auf eine Untergrundbewegung angesetzt mit dem schönen Namen „Rote Armee Hammerhead“, die gegen die Cyborgs und alle Implantate rebellieren. Nach der Eliminierung seiner Zielperson taucht plötzlich die Verstärkung selbiger auf und die Kacke ist am Dampfen. Es kommt zum ersten heftigen Schusswechsel in dem Alex schwer Verwundet wird. Man bastelt ihn wieder zusammen und schickt ihn zur Rehabilitation in die Wüste (ehrlich, der rennt plötzlich stundenlang mit nem Köter durch die Wüste).
Doch Alex hat die Schnauze voll und taucht unter. Ein paar Jahre später wird er vom LAPD wieder aufgespürt und gefangen genommen. Commissioner Farnsworth (Tim Thomerson) will ihn nämlich für einen besonderen Auftrag. Alex soll auf einer pazifischen Insel eine Datenübergabe verhindern und nebenbei seine alte Flamme von der Polizei Jared - ein Cyborg - umnieten. Damit er das auch tut, schloss man sein Herz mit einer Bombe kurz, um ihn bei Bedarf in die Luft zu jagen. Mit einigem Widerwillen macht er sich schließlich auf den Weg und kommt relativ schnell auf die Spur von den Resten Jared's und findet heraus, dass die Daten die Hammerheads übergeben werden sollen und das (natürlich) viel, viel mehr dahinter steckt, als Farnsworth zugeben wollte.

Die Cyborgs wollen nämlich die Menschheit auslöschen und die Weltherrschaft übernehmen – eine Verschwörung die bis in die oberste Reihen geht (das alte Mensch-durch-Cyborg-ersetzen-Spielchen). Alex schließt sich nach kurzer Bedenkzeit den Rebellen an und sofort wird er zum Gejagten. Allen voran Commissioner Farnsworth und der quasi durchgehend angepisste und sarkastische Maritz (Brion James). Zusammen mit einer Rebellenkämpferin schlägt er sich quer über die Insel. Sein einziges Ziel ist das Erreichen eines Vulkankraters, um die Daten von Jared ausfliegen und auswerten lassen zu können, doch der Weg ist lang und die Verfolger zahlreich. Als ihm nur noch der Commissioner gegenübersteht, beginnt der finale Kampf auf Leben und Tod!

"Hi, ich bin Olivier Gruner! Ich bin der Typ, der sich mit Maschinenpistolen durch mehrere Etagen nach unten schießen kann! Ehrlich! Und es sah verdammt cool aus!"

Wie bereits oben erwähnt, fällt "Nemesis" ausnahmsweise mal nicht in die Kategorie Low-Budget-Total-Ausfall, sondern kann für B-Movie Verhältnisse in allen Belangen als Solide bis Eindrucksvoll bezeichnet werden. Albert Pyun, der sich schon mit Werken wie "Cyborg" klar dem Endzeitfilm verschrieben hat, ist mit diesem Streifen auf der Höhe seiner Schaffenskunst gewesen.

Okay, fairerweise muss ich dazusagen, dass ich noch nicht viele Pyun-Filme gesehen habe und von denen die ich bisher "genießen" durfte, ist NEMESIS der klare Favorit. Zwar ist die Handlung wild zusammen geklaut - ein bisschen von Blade Runner, ein bisschen von Terminator und ein bisschen aus diversen anderen Sci-Fi-Filmen - aber Pyun würfelt einfach alles zusammen und erschafft sein eigenes, unterhaltsames Endzeit-Szenario.

Wo die Handlung all zu viele Logiklöcher aufweist - und davon gibt es wirklich viele - besinnt sich Pyun zu seinen vermeintlich wahren Stärken, nämlich Kulisse und Action.

Bei ersterem hat sich der Regisseur ein paar nette Drehorte irgendwo im Nirgendwo zusammengesucht. Hauptsächlich verlassene Lagerhallen, heruntergekommene Wohnbauten, rostende Fabriken oder gleich ganze Abrissbaustellen sorgen für die nötige Endzeitstimmung. Vor allem der Schauplatz der erwähnten ersten Schießerei, in der Alex Rain schwer verwundet wird, sorgt für postapokalyptische Atmosphäre. Auf einem kompletten Abrissgebiet fetzt man sich mit automatischen Shotguns und der (im wahrsten Sinne des Wortes) Ballerei-Höhepunkt findet auf dem schrägen Dach eines halb eingestürzten Gebäudes statt.

"Hi, und ich bin Commissioner Farnsworth. Ich bin eigentlich ein netter Kerl, aber ich mag einfach keine Menschen... tja! Jetzt muss ich leider alle umbringen!"

Ansonsten hetzen die Darsteller gegen Ende des Films durch wildes Grün, vorbei an alten Baracken und einem 50 Meter hohen Stahlsilo, den man kurzerhand für einen waaghalsigen Stunt gesprengt hat. Unterwegs wird noch eine von diesen Teppich-Wellenrutschen als Rutschpartie mit Faustkampf missbraucht. Das verlassene Dorf irgendwo in der Wüste, in der Alex seinen Rehabilitationsurlaub genießt, hat mich übrigens stark an "Desperados" oder so erinnert... aber das nur so nebenbei!

Unterlegt hat Pyun seine filmische Arbeit anschließend meist mit einem Rotfilter, der allerdings gerade gegen Anfang ein wenig störend auffällt. Es braucht seine Zeit, bis sich die Augen an die vielen Rot bis Braun Töne gewöhnt haben.

Bei Action wird dem Genrefan dann ein weiteres Schmankerl geboten, denn Ballereien, Stunts, Explosionen und andere Spezialeffekte können sich durchaus sehen lassen. Da die Gegner größtenteils Cyborgs sind, gibt sich Pyun nicht mit einem simplen Einschussloch zufrieden, sondern lässt solche Szenen in wahre Ballerorgien ausarten (siehe Bildercollage). Toll auch die Szene (oder der Einfall... wenn er denn nicht geklaut wurde), als sich Alex mit seinen Maschinenpistolen durch den Boden bis in den Keller des Hauses nach unten schießt.
Oftmals beweißt Pyun (oder doch eher sein Kameramann?) bei solchen Stunteinlagen ein Händchen für ein paar wenige ungewöhnliche Einstellungen. Da ist es fast schade, dass solche Szenen, wie die Sprengung des riesigen Silos, vor dem die Stuntleute verdammt knapp davon rennen, viel zu schnell inszeniert wurden und vorbei sind, bevor man sie überhaupt richtig wahrgenommen hat. Gegen Ende kommen sogar Altgediente Stop-Motion-Effekte zum Einsatz. Das sieht zwar für 1993 irgendwie lächerlich aus, verbreitet aber auch eine ganz bestimmte Art von Charme, die zum restlichen Film passt.

Zu den Darstellern muss man nicht wirklich viel sagen. Gruner hat im Grunde genommen keinerlei Schauspielerisches Talent. Ein paar Dialoge, in denen es um seine Gewissensbisse geht oder um seine persönlichen Probleme wegen der vielen Implantate in seinem Körper, führt er mit versteinerte Mine ohne den Hauch von irgendwelchen Emotionen. Dafür kann er dann seine körperlichen Talente bei den Actionszenen präsentieren, denn mit den Fäusten kann der Kickboxchampion definitiv umgehen. Auch der Rest der Crew ist motiviert bei der Sache und alle machen ihre Arbeit routiniert bis gut. Bis auf Tim Thomerson, der mit dicker Sonnenbrille und schwarzem Anzug einen wunderbaren, aalglatten Mistkerl abgibt, dienen die meisten eh nur als Kanonenfutter.

Fazit:
Albert Pyun, von vielen noch gefürchteter als Uwe Boll, schuff mit "Nemesis" einen sehr unterhaltsamen und technisch solide umgesetzten Endzeit-Actioner auf überdurchschnittlichem B-Niveau. Auf eine Laufzeit von irgendwas um die 85 Minuten packt er soviel Action wie möglich und lässt diese dank einem hohen Budget auch immer ordentlich aussehen und ausufern. Natürlich hat man es nicht mit einem Konkurrenzstreifen für z.B. Terminator oder Blade Runner zu tun, aber wie so oft kann ich "Nemesis" allen Action- und Endzeitsfans wirklich nur ans Herz legen. Wären doch alle Pyun-Filme so nett anzuschauen. 4 von 5 Zimbelaffen!



Übrigens gibt's die Filme leider nur in einer Box von Laserparadise in ziemlich bescheidener Qualie (wie man an den Bildern sieht), ist dafür aber auch äußerst erschwinglich.


PS: Bei diesen tollen Stop-Motion-Effekten gegen Ende des Films musste ich die ganze Zeit unweigerlich an "Jason und die Argonauten" denken... der Kampf gegen die Skelettkrieger... herrlich, ich liebe diese Effekte! ^^

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