"Nummer 6"-Special


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Ein Mann rast mit seinem pfeilschnellen Lotus Super Seven über einen leeren Highway. Donner grollt im Hintergrund, der Himmel ist zugezogen und beschreibt das drohende Unheil. Doch der Mann rast weiter. Weiter zu seinem wohl wichtigsten Gespräch. Schließlich kommt er in London an und fährt in die Tiefgarage seiner Arbeitsstätte. Unter erneutem Donner stapft er durch die dunklen Gänge. In sein Gesicht ist die pure Entschlossenheit gemeißelt. Genau mit diesem Gesichtsausdruck reißt er wenig später die Tür zum Büro seines Bosses auf und knallt ihm donnernd sein Rücktrittsschreiben auf den Schreibtisch. Wieder zu Hause angekommen packt er schnell seine Sachen, will in den verdienten Urlaub, doch man kommt ihm zuvor. Gas strömt durch das Schlüsselloch seiner Wohnungstür und das letzte, was er sieht, sind die Wolkenkratzer Londons.

Nach einem traumlosen Schlaf erwacht er in einem fremden Bett. Noch benommen von der Betäubung taumelt er zum Fenster, öffnet es und blickt hinunter auf einen unbekannten Ort.

Nach diesem Vorspann folgt der immer gleiche Dialog...

- "Wo bin ich?
- Sie sind da.- Was wollen sie?
- Informationen!
- Auf wessen Seite sind sie?
- Wir sind auf der richtigen Seite. Wir wollen Informationen, Informationen!
- Ich sage nichts.
- So oder so, sie werden sprechen.
- Wer sind sie?
- Die neue Nummer Zwei.
- Wer ist Nummer Eins?
- Sie sind Nummer Sechs.
- Ich bin keine Nummer, ich bin ein freier Mensch!
- Ha, ha, ha...!"

...und läutet eine neue Folge von "Nummer 6" ein - im Original wesentlich passender "The Prisoner" benannt.


Nummer 6 ist nach seinem Rücktritt im Dorf - "The Village"- gefangen und er ist nicht der einzige. Das Dorf ist gefüllt mit Menschen verschiedenster Herkunft. Alle verbindet eine Vergangenheit als Geheimnisträger. Die einen sind ehemalige Wissenschafter oder Geheimagenten, andere haben nur aus Versehen vom Dorf erfahren und fanden sich wenig später dort wieder. Auch Nummer 6 war ein Geheimagent und gehört somit zu diesen Geheimnisträgern, ohne jedoch jemals etwas darüber preiszugeben. Kontrolliert wird das Dorf von Nummer 2, dessen Person sich von Folge zu Folge ändert. Alle wollen hinter das Geheimnis von Nummer 6 kommen, welches offensichtlich von enormer Bedeutung ist. Doch niemand schafft es, gegen die störrische, individualistische und clevere Art von Nummer 6 anzukommen, geschweige denn, irgendwelche Informationen zu erlangen oder den Willen von Nummer 6 zu brechen.

Nummer 6 hingeben wird schnell von klar definierbaren Größen getrieben. Zum einen will er um jeden Preis fliehen. Zum anderen möchte er aber auch hinter das große Geheimnis von Nummer 1 kommen, der im Hintergrund die Fäden zieht und nie persönlich in Erscheinung tritt. Während seines Aufenthaltes im Dorf versucht er stets gegen das System anzukämpfen und sein Leben als eigenständiges Individuum zu bewahren. Dazu gehört in erster Linie, keine Fragen zu seinem ungeklärten Rücktritt zu beantworten. Dabei hat er nicht nur mit den hinterlistigen Plänen und der ständigen Überwachung von Nummer 2 zu kämpfen, sondern auch mit dem einfachen Umstand, dass er nicht weiß, wer im Dorf ein Gefangener und wer ein Wächter ist.
Im Dorf selber gibt es keine Grenzen, keine künstlichen Barrieren oder Mauern. Alles wird Überwacht, überall sind Kameras und Mikrofone installiert. Straßen nach Außerhalb gibt es keine und hohe Berge umschließen die Bucht und den Ort darin auf natürliche Weise. Boote oder Helikopter können zudem per Knopfdruck ferngesteuert werden und wenn alle Stricke reißen und sich ein Gefangener tatsächlich zu weit vom Dorf entfernt, tritt "Rover" in Erscheinung - eine riesige weiße Latexkugel, die mit nervenaufreibenden Brüllgeräuschen die Verfolgung aufnimmt. Begegnungen mit "Rover" enden nicht selten mit dem Tod, nur ist Nummer 6 dafür zum Glück zu wertvoll.
Wem das jetzt was sagen sollte, den darf ich an eine Simpsonsfolge erinnern, in der sich Homer auf "Der Insel" wieder findet, nachdem zu viele Gerüchte als Mr.X auf seiner Internetseite verbreitet, und ebenfalls vor "Rover" flüchtet. Alledings nimmt die Sache bei den Simpsons einen etwas anderen Ausgang (zu sehen in der Folge "Mr. X und der Website-Schund" - "The Computer Wore Menace Shoes").


Die Serie aus dem Jahre 1967 umfasst insgesamt 17 Folgen, wobei die eigentliche Grundidee und viele Folgen aus der Hand und unter der Regie des Hauptakteurs und ausführenden Produzenten Patrick McGoohan entstanden sind.Anfangs war es McGoohans Idee, eine Miniserie zu produzieren. Da dieses Format jedoch zu damaliger Zeit absolut unüblich war, entschied sich BBC für eine Verlängerung auf insgesamt 17 Folgen.Die Produktion verlief jedoch nicht ganz ohne Schwierigkeiten und es kam schon mal vor, dass Drehbücher erst kurz vor Drehbeginn fertig gestellt wurden. Auch seitens des BBC war man Unzufrieden über den Werdegang der Serie, denn die erhofften Einschaltquoten blieben aus. Im krassen Gegensatz dazu stand ein enormes Budget, welches McGoohan zur Verfügung hatte und auch nutze, was man deutlich an den Kulissen oder den Außenaufnahmen erkennen kann.

Die vielen Produktionsschwierigkeiten führten schlussendlich auch zu einem der größten Geheimnisse der Serie: Die exakte Episodenreihenfolge! Nicht mal beim BBC ist man sich einig, in welcher Reihenfolge die Episoden korrekt zusammengehören. McGoohan schweigt seit Jahrzehnten über dieses Phänomen und genauso lange zerreißen sich schon die Fans die Mäuler darüber. Jedoch konnte bis heute keine eindeutige Reihenfolge festgelegt werden. Da zum Glück alle Episoden in sich abgeschlossen sind und nicht auf einander aufbauen, bilden sowohl die erste als auch die letzten beiden Episoden die Klammer, um das Konstrukt zusammen zu halten.
"The Prisoner" ist ebenfalls keinem Genre genau zuzuordnen. Sowohl Drama, Thriller und Science-Fiction fließen in die Serie mit ein. Dazu gesellt sich der allgegenwärtige Charme der 60iger Jahre, was vor allem an den Indoor-Kulissen sichtbar wird: Lavalampen, Eierschalensessel, technische Geräte, etc.

Oberflächlich betrachtet versucht sich Nummer 6 nicht unterkriegen zu lassen. Er lässt sich nicht zu einer Nummer degradieren oder sich in das im Dorf bestehende System zwängen. Er untergräbt die Autoritäten wo er nur kann, wodurch er immer mehr über seinen „Feind“ erfährt und im Umkehrschluss versucht, so wenig wie möglich über sich selbst preiszugeben. Das sind wie gesagt jedoch nur Oberflächlichkeiten und Nummer 6 Suche nach Nummer 1 oder seine Fluchtversuche dienen eigentlich nur als Aufhänger, um das Interesse beim Zuschauer zu wecken und aufrecht zu erhalten
Näher betrachtet verfolgt die Serie einen ganz anderen Hintergrund. Sie hält der Gesellschaft einen Spiegel vor und zeigt dem Zuschauer, in was für einem System er lebt oder leben könnte. Das kann sowohl vor dem Hintergrund der 60iger Jahre gesehen (Kalter Krieg), aber auch problemlos auf die heutige Zeit bezogen werden. Außerdem geht es um den Erhalt der eigenen Freiheit, die eigentlich gar nicht mehr zu erreichen ist. Nummer 6 fungiert als Transporter dieser Informationen, denn McGoohan hinterfragte als Nummer 6 gezielt verschiedene Mängel, Prinzipien, etc. die ihm im wahren Leben
auffielen und verarbeitete sie in den Episoden. Ob man seine Meinung teilt oder wie viel man in die einzelnen Folgen der Serie hineininterpretieren will, ist jedem selbst überlassen. So könnte man mit der Analyse der Serie auch problemlos ganze Webseiten füllen, wobei jeder im Endeffekt unterschiedliche Meinungen vertreten wird.

Aber genau das macht diese Serie so einzigartig. Niemand wird sie so sehen, wie es der andere tut und niemand wird dieselben Dinge in das Gesamtkonzept, als welches „Nummer 6“ gesehen werden sollte, hinein interpretieren. Näher möchte ich deswegen darauf nicht mehr eingehen. Jeder sollte selbst entscheiden. Fakt ist jedoch, dass McGoohan mit „Nummer 6“ eine großartige geschaffen hat, die leider viel zu unbekannt ist. Doch genau deswegen und wegen ihres Inhaltes, der seiner Zeit damals zu weit voraus war, als dass sie ein großer kommerzieller Erfolg hätte werden können, erlangte die Serie zu recht Kultstatus und kann mit recht als zeitlos betrachtet werden.

McGoohan, dessen Interviews zur Serie an einer Hand abzuzählen sind, antwortete auf die Frage nach den vielen, ungeklärten Rätseln um die Serie „Nummer 6“:
„Erklärungen vernebeln das, was die Serie sein sollte: Ein allegorisches Rätsel, das jeder selbst interpretieren sollte. Wenn man ein Rätsel erklärt, ist es kein Rätsel mehr. Wenn man allerdings nach einer Erklärung verwirrter ist als zuvor, geht das Rätsel weiter…“
Als einzige Negativaspekte kann man der Serie eigentlich nur die aus ihrem Alter resultierende Naivität bezüglich der Technik (z.B. Computer) und einige Logiklöcher und Inszenierungsfehler vorwerfen. Letztere sind allerdings eher auf die schlechten Produktionsumstände bzw. die verwirrende Episodenreihenfolge zu schieben und können getrost vernachlässigt bzw. durch eine neue Reihenfolge teilweise korrigiert werden!




In einem Wikipedia ist bezüglich der Serienbewertung folgendes zulesen:
The Prisoner besticht durch seine schauspielerische Leistungen und ein visionäres, gut umgesetztes Thema. McGoohan setzt sich in dieser Serie mit Themen wie privater Überwachung (das gesamte Dorf ist videoüberwacht), Methoden zum Brechen des Willens und dem Individuum als Opfer einer übermächtigen und anonymen Macht auseinander.

Auf der Suche nach Freiheit, der Identität der ominösen Number One und einem Ausweg aus seiner Situation spielen die Episoden zahlreiche interessante Ideen durch. Das System versucht durch zahlreiche Tricks, den Einsatz von Doppelgängern und moderner Technologie, den Willen von Number Six zu brechen. Der Protagonist besticht durch Geistesgegenwart und starken Widerstand.

The Prisoner ist weit mehr als eine einfache Fernsehserie. Sie bietet aufgrund ihrer surreal gehaltenen Handlung selbst heute noch ausreichend Stoff für die unterschiedlichsten Interpretationen ihres unumstritten vorhandenen, tieferen Sinngehalts.

The Prisoner gilt als eine der besten Fernsehserien der Sechziger Jahre und hat eine starke Fankultur nach sich gezogen. Zahlreiche Websites bieten Analysen der einzelnen Episoden und versuchen, das Unerzählte der Serie aufzudecken.


Das sagt eigentlich alles und deswegen gibt dick und fett verdiente...

...5 von 5 möglichen Köpfen

Be seeing you! Wir sehen uns!



PS.: Die komplette Serie erschien 2006 von Kochmedia in einer schicken DVD-Box mit vielen netten Extras. Enthalten sind alle 17 Folgen, eine Bonus-DVD und ein 35ig Seiten starken Begleitheftchen, dass jede Menge Hintergrundinfos und einen detailreichen Episodenführer beinhaltet. Die 4 in Deutschland nie gezeigten Folgen liegen im O-Ton mit deutschen Untertiteln vor. Ich kann diese Box, die es bei Amazon für knappe 30€ gibt, nur empfehlen. Das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt und außerdem wird einem in Deutschland ein besseres oder vergleichbares Release mit Sicherheit nicht mehr geboten! (Amazon-LINK )



NUMMER 6 - EPISODENFÜHRER


MATCH-CUT
(umfangreiche Fansite und absolut empfehlenswert!)


Infos zum Remake




SPOILER:
Nur wer die Serie ganz gesehen hat, sollte sich dieses äußerst aufschlussreiche Interview mit Patrick McGoohan aus dem Jahre 1977 durchlesen!


Interview


Und hier gibts als Zugabe noch das oben beschrieben Intro:

1 Kommentar:

nr6de hat gesagt…

Arte bringt NUMMER 6 ins deutsche Fernsehen zurück! Im Rahmen eines Themenspecials "Summer of the 60s" zeigt der Sender vom 24. Juli - 28. August 2010, samstags 22 Uhr alle 17 Episoden, die vier bisher nicht synchronisierten evtl. sogar erstmals mit einer deutschen Fassung! Mehr: http://www.arte.tv/de/suche/3194468.html - Dazu passend am 25. September das 4. Treffen von Freunden & Förderern von NUMMER 6 - Nr6DE - in Gießen. Mehr: www.nummer6-theprisoner.de - Wir sehen uns!