Atemlos vor Angst

(für mehr atemlose Infos klicke aufs Cover)

Release: 1977

Originaltitel: Sorcerer


Südamerika, irgendein Kaff mitten im Nirgendwo und jede Menge armer Seelen, die irgendwie versuchen, über die Runden zu kommen. Manche leben vor sich hin, andere arbeiten für eine ansässige Ölfirma. Als jedoch eine Borstelle in Flammen aufgeht, sucht eben diese Firma ein paar Geisteskranke, die mehrere Kisten hochsensibles Nitroglyzerin über eine 200 Meilen lange unwegsame Piste transportieren, um damit den Brand aus zu pusten. Die Chance für vier Männer, die an diesen Ort am Ende der Welt ins Exil geflüchtet sind. Niemand von Ihnen hat noch Perspektiven, jeder von Ihnen wird von seiner eigenen düsteren Vergangenheit verfolgt. Jeder von Ihnen will einfach nur weg und das erhoffen sie sich durch die Belohnung, die der Job verspricht: Geld und einen gültigen Pass. Nachdem zwei alterschwache LKWs mit dem hochexplosiven Sprengstoff belanden worden sind, machen sie sich in gebührenden Abstand auf durch den Dschungel und müssen dabei vielen unterschiedlichen Gefahren trotzen. Mal ist es eine zu schmale Straße samt Steilhang, mal eine verwitterte Hängebrücke über einen reißenden Fluss oder ein Baumstamm quer über dem Weg. Und im Nacken sitzt die permanente Angst, dass der nächste zu heftige Huckel der letzte sein könnte.
Eins kann ich vorweg sagen: Der Name ist Programm! Was William Friedkins (French Connection, Leben und Sterben in L.A.) da auf Zelluloid gebannt hat, ist ganz großes Kino. Das es keine anständige Auswertung auf VHS/DVD/etc. gibt, hat andere Gründe. Alles fing schon mit der Produktion an. Mit viel Herzblut begann Friedkins die Planung, drehte ausschließlich an Originalschauplätzen, wurde dann jedoch das Opfer von höherer Gewalt und ausuferndem Budget. Neben schlechten Wetterbedingungen blies auch sein eigener Perfektionismus die Ausgaben für sein Projekt auf 55 Mio. US-$ auf, was schon vor Fertigstellung des Filmes für schlechte Presse sorgte. Außerdem musste sich Friedkins mit Roy Scheider, anstelle von Steve McQueen begnügen. Scheider ist natürlich kein schlechter Schauspieler, aber zwischen ihm um McQueen liegen definitiv Welten. Zusätzlich kam der Film kurz nach (oder zusammen mit?) Star Wars in die Kinos und spielte so nur knapp 8 Mio. US-$ ein. Ein totaler Flop. Aus Angst vor Kassengift sprangen die Verleihfirmen ab. Zusätzlich wurde der Film für das europäische Publikum radikal ge- und umgeschnitten. So sind z.B. die Geschichten der vier Männer, die eigentlich zu Anfang in jeweils eigenen Kapiteln erzählt werden, hierzulande nur noch unvollständig und in Rückblenden zu sehen. Im Großen und Ganzen zerstört dies zwar nicht den Spannungsbogen, erweckt allerdings stellenweise den Eindruck ein nur unvollständiges Werk zu betrachten. Mehr weiß der Schnittbericht!
Inszeniert hat Friedkins sein Werk in einem Look, den man schlicht als dreckig bezeichnen kann. So wird das Geschehen zusätzlich noch realistischer präsentiert, als es eh schon daher kommt. Realismus ist auch der Punkt, aus dem der Film eine Menge an Spannung und Atmosphäre aufbauen kann. Schon allein die schmuddelige Dschungelkulisse, vor der sich die Darsteller bewegen, besticht durch ihre ganz eigenen Reize. Alle anderen Spannungsmomente entstehen anschließend aus den zahlreichen Gefahren, welche auf die Männer während ihrer Fahrt durchs Niemandsland warten. Höhepunkt ist mit Sicherheit die Überquerung der morschen Hängebrücke bei Monsunartigen Regenfällen, aber auch andere Szenen, wie z.B. die Sprengung des Baumstammes, brauchen sich keineswegs verstecken. Die Hingabe, mit der Friedkins ans werk geht, ist beeindruckend. Die schlechten Produktionsumstände wirken hier, wie auch im restlichen Film, wie weggeblasen und zurück bleiben nerven aufreibende Momente, welche die Männer mit zunehmender Lauflänge an ihre physischen und psychischen Belastungsgrenzen drängen.
In diesem Zusammenhang muss ich leider den einzigen Kritikpunkt äußern, der auch in anderen Besprechungen zu lesen ist: Das fehlen einer Identifikationsfigur. Keiner der Männer ist so richtig Sympathieträger, was verschiedene Gründe hat. Zum einen wird den Charakteren etwas wenig Entwickelungszeit gegeben und die Darsteller können ihre Fähigkeiten in den kurzen Hintergrundgeschichten nicht richtig entfalten (was auch an der deutschen Fassung liegt) oder sie können mit ihren Fähigkeiten in diesen Abschnitten nicht überzeugen.
Zum anderen sind schon die Charaktere so gestaltet, dass sie kaum sympathisch rüber kommen können. Neben den Hindernissen während der Fahrt, haben sie auch so genug mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen. Sie handeln egoistisch und werden hauptsächlich von der Gier nach der Belohnung getrieben. Das wiederum ist jedoch auch für das Durchhaltevermögen, welches sie die gesamte Tour an den Tag legen müssen, von entscheidender Bedeutung. Ein zweischneidiges Schwert also, über das man allerdings in Anbetracht des Gesamtwerkes ganz gut hinwegsehen kann. Trotzdem frage ich mich, wie der Film wohl mit Steve McQueen geworden wäre.
„Atemlos vor Angst“ basiert auf dem Roman „Lohn der Angst“ und ist das Remake der gleichnamigen Verfilmung aus den frühen 50igern. Welche filmische Umsetzung nun die bessere ist, kann ich nicht beurteilen, da mir der Vergleich fehlt. Ich kann allerdings mit Recht behaupten, dass man einen Film dieser Klasse heute nicht mehr zu sehen bekommt. Die Geschichte ist simpel, aber die Spannung ist nerven zerfetzend. Zwar fehlen dem Film die Identifikationsfiguren, doch dank der wahnwitzigen Hingabe Friedkins, werden hier einzigartige Bilder geboten, deren Spannung und Atmosphäre den Zuschauer fesseln, bis er alles um sich herum vergisst. Ein Klassiker, den man als Fan von außergewöhnlichen Abenteuerfilmen gesehen haben sollte und der längst eine anständige Veröffentlichung verdient hat. Volle Koppzahl!



Kommentare:

Harry hat gesagt…

Na, da hab ich ja die Antwort auf meine Anfrage. Ansonsten gehe ich mit Deiner Meinung d'accord. Einer meiner Alltime-Favorites.

Doc Savage hat gesagt…

Jup, die "Huldigung" war längst überfällig! :)

GeneralUnsichtbar hat gesagt…

OMG, das ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme! Es wird verdammt nochmal höchsteste Zeit, dass dieser Streifen auf Deutschlands DVD-Territorium erscheint!
Und wenns ein 2-Disc-Set mit beiden Fassungen oder ein Director's Super Cut von Friedkin wird, mir egal, Hauptsache haben können:)

Paramantus hat gesagt…

Hey, den kannte ich noch ga rnicht. Besten Dank für diese Empfehlung!!!

Doc Savage hat gesagt…

Die Begeisterung ist natürlich immer abhängig von den eigenen Sehgewohnheiten! Somit fand ich eigentlich nur Schade, dass keine Ninjas in dem Film vorkommen... ;-D

Und die Empfehlung hilft dir leider nur weiter, wenn du irgendwo eine brauchbare "Sicherungskopie" auftreiben kannst, denn wie gesagt... es gibt keine anständige Auswertung und die US-DVD soll ja auch nicht gerade so der Burner sein...