Rampage

(klicke aufs Cover für mehr Infos)

Release: 2009

Wraak is meedogenloss
(frei nach der holländischen DVD-Hülle)


Bill ist ruhiger Kerl Anfang 20, der augenscheinlich zurzeit nicht weiß, was er mit seinem Leben anfangen soll. Er hat einen miesen Kfz-Job, scheint gesellschaftlich eher der Außenseiter zu sein und wohnt bei seinen Eltern im Keller. Die wollen Ihren Filius aber ganz gerne aus dem Haus haben bzw. hegen den Wunsch, dass er endlich in die Pedale tritt und seinem Leben eine neue Richtung gibt. Doch während seine Eltern noch auf ihn einreden und auch sein Kollege Evan auch nur mit leeren Floskeln um sich wirft, brodelt in Bill etwas ganz anderes. Etwas viel bedrohlicheres. Per Onlineversand bastelt er sich nach und nach einen komplett kugelsicheren Anzug zusammen und als seine Eltern das Haus verlassen, verlässt auch Bill sein trautes Heim um seinem Hass freien Lauf zu lassen. Oder steckt doch mehr dahinter... ?
Fuck, Uwe, was hast du da denn für einen kranken Scheiß gedreht?! Dieser Satz ging mir während und nach der Betrachtung durch die Birne - und das noch nicht einmal im negativen Sinne. Denn was Uwe Boll da auf den Zuschauer loslässt, ist alles andere als ein angenehmer Film. Wenn ein Streifen mehrere Tage im Gedächtnis nachschwingt, dann hat das schon etwas zu bedeuten. Dabei beginnt alles recht harmlos. Die Handlung beginnt zwei Tage vor Bills grausamer Tat und wir begleiten den jungen Mann durch seinen tagtäglichen Alltag. Morgens trainiert er wie ein wilder, begleitet von jeder Menge Negativberichten aus dem Radio. Auch sein Job ist nicht der Beste und sein Kollege Evans ist ein Möchtegern-Weltverbesserer, der lieber redet und niemals handelt. Man hat schnell den Eindruck, dass dieser unauffällige Junge aus unserer Mitte ne Menge Wut im Bauch hat. Zusammen mit schnellen Cuts auf die folgenden Ereignisse wird er für den Zuschauer bald zum sprichwörtlichen Bild einer tickenden Zeitbombe, wobei sich der Zuschauer mit zunehmender Lauflänge immer unwohler in Bills Nähe fühlt. Nur Blöd, dass die Kamera die ganze Zeit an seinem Arsch klebt.
„All talks, no action“ kommentiert Bill die Ausführungen seines Freundes Evan gerne, aber wie soll diese Aktion aussehen. Nach knapp 30 Minuten wissen wir es. Dann nämlich knippst Bill mit einer Autobombe das Polizeirevier aus, fährt in die Innenstadt des kleinen Städtchen uns eröffnet mit seinen beiden Uzis wahllos das Feuer auf alle Menschen, die seinen Weg kreuzen. Auch hier schwebt die Kamera permanent hinter seinem Rücken, abgewechselt von Einstellungen seines Gesichts - quasi ein umgekehrter Egoshooter, bei dem der Zuschauer Bills nach Zielen suchende Augen sehen, seinen Herzschlag und die dumpfen Todesschreie getroffener Passanten hören kann. Nicht selten kommentiert Bill seine Taten mit zynischen Kommentaren, wodurch die realitätsbetonte Darstellung nur noch mehr an Intensität und Brutalität gewinnt. Wenn er zum Beispiel eine vor Schreck erstarrte Frau in einer Häuserecke entdeckt, ruhig seine Waffen nachlädt und sie dann völlig emotionslos mit den Worten „Here we go!” mit einer langen Salve niederstreckt, dann wirkte das auf mich ziemlich schockierend. Trotz actionlastiger Inszenierung ist das alles nicht cool, sondern eher unangenehm.
Schon nach kurzer Zeit macht sich während des eigentlichen Amoklaufs ein unglaubliches Gefühl von Ohnmacht breit und Boll lässt es bis zum Abspann auch nicht mehr zu, dass der Zuschauer dieses Gefühl abschütteln kann. Je weiter Bills Amoklauf fortschreitet, desto deutlicher wird dem Zuschauer jedoch Bills eigentlicher Plan. Auf die ganze Menschheit zu scheißen und am Ende selbst in Gras zu beißen hatte er nämlich von Anfang an nicht vor. Ich für meinen Teil war z.B. ganz und gar nicht auf Bills Seite. Was er da in seinem Heimatstädtchen abgezogen hat, stieß mir übel auf und ich hab ihm nichts gutes mehr gewünscht. Umso überraschter und verwirrter war ich, als sich mir plötzlich ein Twist eröffnete, der lange Zeit nicht ersichtlich ist. Denn – Achtung: Spoiler – Bill verfolgt die ganze Zeit einen perfiden Plan, der darin endet, dass er seinen Kumpel Evan tötet, ihm die Schuld die Schuhe schiebt und pünktlich zum Feierabend wieder bei seinen Eltern auf der Couch sitzt, wobei er im Keller einen Haufen Geld von einem Bankraub untergebracht hat, den er unterwegs ebenfalls begangen hat. Bitte was?! Da schießt jemand die halbe Stadt nieder, räumt ne Bank aus und soll mit einer solchen Tat davon kommen??! Holy shit…
Das ist harter Tobak. Als Zuschauer ist man jetzt nämlich gezwungen, sich über Bills Taten selbst Gedanken zu machen. An die Hand nimmt Boll hier niemanden. Er zeigt nur schlicht und einfach, was Bill innerhalb von zwei Tagen tut und das auf eine schonungslose und realitätsbetonte Art und Weise. Dabei liefert er kaum Erklärungen und wenn, dann nur sehr oberflächliche. z.B. nimmt Bill weder Drogen, noch spielt er „Killerspiele“ oder hört Heavy Metal - was jedoch wirklich in ihm vorgeht, wird höchstens in den meist improvisierten Dialogen ersichtlich. Auch wenn darin vielleicht ein großer Kritikpunkt des Films liegt, eröffnet diese Tatsache ebenfalls den größten Diskussionsraum.
Handwerklich gibt’s an dem Film gewiss nicht auszusetzen. Der ein oder andere tiefgreifendere Dialog wäre ganz nett gewesen. Ab und zu driftet Boll auch immer wieder gerne in eine actionbetontere Inszenierung in Form von Verfolgungsjagden und Explosionen in Zeitlupe ab, bleibt aber meistens dem Stilmittel der wackeligen Verfolgerkamera treu. Es ist auch diese Art der ungeschliffenen und brutalen Inszenierung, mit der Boll das geringe Budget geschickt verdecken konnte. Auch an den Darstellern gibt’s nichts zu meckern. Vor allem Brendan Fletcher (Bill) weiß zu überzeugen und spielt seine Rolle, ohne den Charakter zu einem namenlosen Monster verkommen zu lassen. Viele Dialoge sind übrigens, wie schon kurz erwähnt, improvisiert, so wie es Boll z.B. schon bei Tunnel Rats von seinen Schauspielern verlangte. Manche Szenen sind sogar nicht einmal gestellt. Die Bingospielenden Rentner in dem Bingo-Restaurant, durch das Bill wohlgemerkt in voller Kampfausrüstung stapft, hatten keine Ahnung, dass da gerade ein Film gedreht wird. Umso Erschütternder wirken vor diesem Hintergrund ihre (ausbleibenden) Reaktionen.
Nur eine Meinung über diesen Streifen zu haben, ist schwer möglich. Für schwache Gemüter ist „Rampage“ sicherlich nichts und diverse Szenen werden eben auf diese schwachen Gemüter schlichtweg schockierend wirken. Manche werden den Film völlig unreflektierend als reinen Actionfilm abfeiern, während sich andere noch lange nach der Sichtung mit der Thematik dank fehlender Erklärungen auseinander setzen werden. Gekonnt überlässt es Boll jedem Zuschauer selbst, wie er darüber denken möchte bzw. ob er überhaupt dazu in der Lage ist, sich kritische Gedanken zu machen. Dafür sollte dem Herrn, der über Jahre hinweg so immens viele Negative Kritiken bekommen hat, endlich mal Respekt gezollt werden. Von meiner Seite aus jedenfalls gibbet ordentliche 3,5 Köppe und ernst gemeintes: „Mach weiter so, Uwe!“

,5


PS: Mal wieder ein absolutes Hightlight der DVD ist der Audiokommentar von Meister Boll persönlich. Neben vielen Erklärungen rund um den Film und seine Entstehung, lammentiert Boll über eigene Ansichtungen bezüglich FSK, Mainstreamfilme oder zu billiges Essen. Schnell wird klar, was der Mann doch für ein Hass auf Hollywood, die Filmindustrie und ganz Amerika hegen muss. Echt krass teilweise wie radikal seine Ansichten zu bestimmten Themen sind. Gleichzeitig beweist er ebenfalls eine ordentliche Portion Größenwahn, wenn er seine Filme (Rampage, Darfur, Tunnel Rats) auf eine Stufe mit großen Blockbustern setzt und sie für gleichberechtigte Oscaranwärter hält. Ach Uwe... eigentlich biste doch n' lustiger Typ! ^^


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